Ex-Stabhochsprungweltmeister Raphael Holzdeppe absolviert ein dreimonatiges Praktikum beim 1. FSV Mainz 05

Von Melanie Kahl-Schmidt

Ein Paradebeispiel für die Gestaltung der Dualen Karriere eines Profisportlers gibt gerade der ehemalige Weltmeister im Stabhochsprung, Raphael Holzdeppe, ab. Der 31 Jahre alte Athlet nutzt die coronabedingte „Zwangsreisepause“ und bildet sich bei Fußball-Bundesligist 1. FSV Mainz 05 im Rahmen eines unbezahlten Teilzeitpraktikums im Bereich Partnermanagement weiter. „Die Idee ein Praktikum zu absolvieren hatte ich schon in den vergangenen beiden Jahren. Da wir aber in der Wintervorbereitung für Ende November immer ein zweites dreiwöchiges Trainingslager in Südafrika planen, hatte ich nie genügend Zeit dafür“, erklärt Holzdeppe und führt dazu weiter aus: „Ich wollte nie ein Kurzpraktikum von nur zwei oder vier Wochen machen, weil ich das als zu kurz empfinde, um richtige Einblicke in die Abläufe zu bekommen.  Durch die Corona-Pandemie war schnell klar, dass wir in diesem Jahr nicht mehr ins Ausland reisen werden und es kein Trainingslager geben wird, von daher wusste ich, dass ich von Oktober bis einschließlich Dezember in Deutschland sein werde und ein Praktikum passen würde.“

Die großen Erfolge des Zweibrückers liegen derweil schon etwas zurück – im Jahr 2012 gewann er bei den Europameisterschaften in Helsinki die Bronzemedaille, von den Olympischen Spielen in London brachte er im gleichen Jahr ebenfalls die Bronze-Medaille mit. 2013 wurde er mit übersprungenen 5,89 Meter Weltmeister in Moskau. Zwei Jahre später sprang er zu WM-Silber. Umso wichtiger ist es Holzdeppe, der seit vielen Jahren in den Bereichen Marketing und Management unterschiedliche Studiengänge absolviert, nun neben dem Profisport die Ausbildung, das Studium und den Beruf zu forcieren. „Derzeit belege bei der IUBH ein reines Fernstudium und arbeite an meinem Bachelor-Abschluss im Bereich Marketing. Das Praktikum ist nicht Teil des Studiums oder gar vorgeschrieben, ich mache es freiwillig, um mich weiter zu bilden.“

Dass die Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt dafür aktuell nicht gerade als rosig zu bezeichnen sind, war dem realistischen Luftakrobaten von Beginn an klar: „Ich habe mich durch die Verbreitung der Pandemie und den damit verbundenen Folgen in einer nicht gerade wirtschaftsfreundlichen Zeit um ein Praktikum beworben und eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass es überhaupt noch klappt“, räumt er offen ein.  Holzdeppe kontaktiert den Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saarland, über den er bisher ohnehin im Bereich der Dualen Karriere und in vielen anderen Belangen rund um seine Profikarriere betreut wird. „Über die Laufbahnberaterin des OSP Nina Reermann wurde ein Kontakt zu Dirk Martin von Lotto Rheinland-Pfalz hergestellt, die wiederum auch Partner von Mainz 05 sind. Ich bin sehr glücklich, dass es geklappt hat, da meine Anfrage schon sehr speziell war“, räumt er ein. Da in dieser Woche auch für Holzdeppe die Olympiavorbereitung startete, hatte er sich für ein Teilzeitpraktikum für drei Monate beworben. Und um seine Chancen zu erhöhen sogar eine unbezahlte Tätigkeit angeboten. „Dass ich tatsächlich in diesem Jahr noch einen Praktikumsplatz bekommen habe, dazu in einer Branche und einer Funktion, die mich wahnsinnig interessieren, ist ein absoluter Glücksfall.“

Dass es ihn gerade in den Fußball verschlagen hat, empfindet Holzdeppe als „spannend“. „Wir Leichtathleten versuchen immer, über den Tellerrand hinaus zu schauen und herauszufinden, was wir gut machen und wo man nachsteuern könnte. Fußball ist die größte Sportart in Deutschland und mich hat schon immer die Frage interessiert, was der Fußball anders macht und ob man etwas davon als Idee in die Leichtathletik hineintragen kann.“ Die Größe der Geschäftsstelle sowie die dahinter stehende „Maschinerie“ beim Bundesligisten haben Holzdeppe jedoch schon in den ersten Tagen beeindruckt. „Die Größe der Geschäftsstelle hier entspricht der unseres ganzen Leichtathletik-Verbandes. Und das ist nur einer von 36 Profivereinen.“

Seinen Arbeitstag teilt er sich in den kommenden drei Monaten in zwei Hälften auf. „Bis mittags bin ich im Büro, bei Bedarf kann ich das aber auch mit nachmittags tauschen. Danach trainiere ich am USC-Gelände, wo auch Zehnkämpfer Niklas Kaul seine Einheiten absolviert.“ Und auch sein Trainer wird zwei bis drei Mal pro Woche nach Mainz kommen, so dass auch im sportlichen Bereich kaum Abstriche gemacht werden müssen. Bei der Planung der physiotherapeutischen Betreuung sowie der gesamten Unterbringung für diesen Zeitraum stand ihm ebenfalls die Laufbahnberatung des OSP unterstützend zur Seite.

Mit der Frage, ob Tokio 2021 wegen des Pandemie-Geschehens überhaupt stattfinden wird, beschäftigt er sich derweil nicht. „Ich bin immer ein positiver, pragmatischer Mensch. In diesem Jahr wurden – ob in der Leichtathletik oder auch anderen Sportarten – innerhalb kürzester Zeit so viele Veranstaltungen organisiert, ohne dass die Vereine, Direktoren und Organisatoren viel Zeit zur Vorbereitung hatten. Bis zu den Olympischen Spielen ist noch so viel Vorlaufzeit, dass ich davon ausgehe, dass eine Umsetzung möglich sein wird“. Dazu komme, dass er diese positive Einstellung zum Training unbedingt brauche: „Wenn immer in meinem Hinterkopf schweben würde, Olympia könne eventuell nicht stattfinden, dann wäre ich kopfmäßig nicht in der Lage, die 100 Prozent geben, die es braucht, um mich in eine olympiagerechte Form zu bringen. Für mich finden die Olympischen Spiele in Tokio nächstes Jahr statt.“