Leichtathletik-Nachwuchstalent Sophia Junk hat neben ihren Erfolgen schon einige Tiefschläge verkraften müssen – und findet Halt im Sport

von Melanie Kahl-Schmidt

„Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten“. Wieviel Wahrheit in diesem deutschen Sprichwort liegen kann, weiß die 21 Jahre alte Flachsprinterin Sophia Junk nur zu gut. Dabei wirkt die intelligente, attraktive junge Frau ungemein aufgeräumt. Sie ist mit ihrem Lebenslauf im Reinen, denn ändern kann sie ihn ohnehin nicht mehr. Sie nimmt an, was nicht zu ändern ist und macht das Beste daraus. Dabei legt sie neben Mut und jeder Menge Willensstärke eine Abgeklärtheit an den Tag, die beeindruckend  ist.

Die gebürtig aus Konz stammende Leichtathletin hat in ihrem so jungen Leben schon einige Tiefschläge wegstecken müssen. Und doch kam nach dem Regen immer wieder die Sonne. Sie wurde U20-Europameisterin mit der 4×100 m Staffel im Jahr 2017 (in U20 Weltrekord-Zeit) und 2018 sogar U20-Weltmeisterin in der gleichen Disziplin. Im Jahr 2019 feierte sie die U23-Europameisterschaft mit der 4×100 m Staffel und belegte als Newcomerin Platz vier der Deutschen Meisterschaften über 200 m in Berlin. Sportlich geht es für die Polizeikommissar-Anwärterin seit Jahren bergauf, und sie ist sicher, „dass das auch gerade wegen der Rückschläge so ist.“ Der Sport gibt ihr Halt. „Ich habe meine sportlichen Ziele, die ich verfolge und unbedingt erreichen möchte. Hierauf richte ich meinen Fokus. Man muss sich jeden Tag aufs Neue motivieren – egal was gestern oder vergangene Woche war. Niemand weiß schließlich, was nächste Woche oder nächstes Jahr sein wird.“

In der Grundschule im beschaulichen Konz-Oberemmel in der Nähe von Trier wird ihr Talent bei der Vorbereitung auf die Bundesjugendspiele entdeckt. Sie läuft ohne Anstrengung allen Jungs davon, so dass der Sportlehrer den Eltern empfiehlt, das junge Mädchen in einem Leichtathletik-Verein anzumelden. „Ein Nachbarsjunge trainierte dort bereits, so dass ich dann zum Schnuppern einfach mal mitgegangen bin“, erinnert sich das heutige Mitglied des deutschen Perspektivkaders an die Anfänge ihrer sportlichen Laufbahn.

Über den Mehrkampf sticht ihr Talent für das schnelle Laufen auf der flachen Bahn immer mehr heraus. „Während die Wurf- und Sprungdisziplinen nicht so sehr die meinen waren, ging der Sprint irgendwann durch die Decke“, gibt Junk lachend zu,

Ihr Trainer Winfried Weires von der TG Konz nimmt sich viel Zeit für das junge Talent. „Ich hatte eine sehr persönliche Bindung zu ihm. Er hat mich über sieben Jahre gefördert und schließlich maßgeblich dazu beigetragen, dass ich später in den U18-Bundeskader aufgenommen wurde und mittlerweile im Perspektivkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes bin.“ Doch dann passiert im Jahr 2014 das Unfassbare: Winfried Weires stürzt bei einem Wettkampf so unglücklich über eine Bande, dass er sich eine Wirbelsäulenverletzung zuzieht und fortan querschnittgelähmt ist. „Das war auch für mich ein sehr schwerer Tag und ein Schlag ins Gesicht. Winfried war ein so aktiver und in seiner Altersklasse immer noch sehr erfolgreicher Leichtathlet und von einem auf den anderen Tag war es damit vorbei und nichts in seinem Leben mehr so, wie es vorher war. Das hat mir unendlich leidgetan.“

Auch für Sophia verändert sich von einem Tag auf den anderen vieles. „Es war klar, dass niemand in meinem Heimatverein diesen hohen Aufwand von Winfried Weires wird aufrecht erhalten können, so dass es in Konz sportlich keine Perspektive mehr für mich gab.“

Ein Wechsel zu einem großen Leichtathletik-Verein ins 150 Kilometer entfernten Neuwied ist organisatorisch für Sophia und ihre Eltern nicht leistbar neben der Schule. „Da mein Vater als Berufssoldat oft während der Woche nicht zuhause war, musste sich meine Mutter alleine um uns drei Kinder kümmern. In Trier wiederum gab es nur Trainingsmöglichkeiten für Langstrecken-Läufer. Von daher dachte ich damals daran, die Leichtathletik aufzugeben und mir etwas anderes zu suchen“, schildert Sophia die damalige Dramatik.

Über 400 m-Läuferin Annette Ritter, die aus Trier stammt, kommt der Kontakt zu deren Trainer Martin Schmitz von der LG Rhein-Wied zustande. Der erfahrene Trainer und Leichtathlet kennt das Talent und das Potenzial der Sophia Junk und führt sie gedanklich an einen Wechsel an das Sport-Internat in Koblenz und den damit verbundenen Besuch der Eliteschule des Sports „Auf der Karthause“ in Koblenz heran. Sophia ist skeptisch. „Nach einer Woche Schnupperbesuch hatte ich arg Heimweh. Nach meiner Familie, meinen Freunden und meiner gewohnten Umgebung. Ich dachte, dass ich diesen Schritt nicht gehen kann.“

Ihre Mutter und ihr Vater sind es, die Sophia schließlich zum Umdenken bewegen. „Sie haben mir aufgezeigt, dass ich nichts zu verlieren habe, außer vielleicht ein Schuljahr, das ich zu wiederholen hätte. Und dass es mir der Versuch wert sein sollte, mir meinen großen Traum vom Profisport erfüllen zu können.“

Und so zieht Sophia mit 15 Jahren bei den Eltern aus und ins 150 Kilometer entfernte Koblenz.  Sie wechselt von der TG Konz zur LG Rhein-Wied und wird fortan von Martin Schmitz trainiert. Im Internat ist sie mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. „Man muss alles aus eigener Disziplin und Motivation heraus tun. Lernen, zur Schule gehen, das Zimmer sauber halten, einkaufen gehen und das Training mit allem was dazu gehört absolvieren. Ich kam aber besser zurecht als ich dachte und lebte mich schnell ein.“

Doch nach nur drei Monaten folgt Ende 2015 der nächste große Schicksalsschlag: Der Papa stirbt völlig überraschend und plötzlich an einer Krebserkrankung. Sophia hält trotzdem an ihrer Entscheidung für einen Verbleib im Internat fest. „Der Sport ist ein bleibender Faktor in meinem Leben. Selbst als sich durch den Verlust eines Elternteils die Familie und der Alltag völlig veränderte, blieb der Sport meine Konstante“, beschreibt Sophia ihre Gefühle. „Der Sport war mit das einzige, was blieb. Neben meiner Mama und meinen Geschwistern, die natürlich auch sehr geholfen haben. Sehr viele Freundschaften veränderten sich in der Zeit damals. Ich musste erkennen, wer wirklich für mich da ist.“ Sie habe viele Menschen und Dinge aussortiert. Was sich hart anhört, ist doch einfach zu erklären: „Ich habe geschaut, wer und was mir gut tut und mich glücklich macht. Und wer oder was nicht. “ Der Leere nach dem Verlust des Vaters setzt der Sport Halt und Struktur entgegen. „Das tägliche Training hat mir zum einen Konstanz und eine Form der Alltagsroutine gegeben und zum anderen eine Perspektive aufgezeigt, was ich erreichen möchte.“

Sophia Junks Fazit fällt dementsprechend klar aus: „Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, wenn ich den Sport nicht gehabt hätte. Es ist mein Credo geworden, mit Disziplin das Beste aus jeder Situation zu machen. Ob im Privatleben, in meinem Studiengang zur Polizeikommissar-Anwärterin bei der Landespolizei Rheinland-Pfalz oder im Sport.“

Und so ist es wenig verwunderlich, dass sie für das kommende Jahr bereits die nächsten Ziele fest im Visier hat. „Klar wäre es toll, wenn ich noch mit nach Tokio zu den Olympischen Spielen reisen könnte. Aber das wird wegen der enormen Konkurrenz im deutschen Frauen-Sprintbereich sehr schwer. So wird die U23-EM im kommenden Jahr in Norwegen wieder ein festes Ziel für mich, um dort neben einer Staffelmedaille auch eine Einzelmedaille zu holen.“ Ob sie ihre Ziele erreichen wird, wer weiß das schon? Fest steht: Mit Licht und Schatten kann Sophia Junk umgehen.