Stabhochspringerin Lisa Ryzih fühlt sich nach der Corona-Pause frisch wie selten zuvor – Zeit sinnvoll genutzt

Von Melanie Kahl-Schmidt

Lisa Ryzih hat schon so einiges erlebt in ihrer Karriere als Sportlerin. Die deutsche Top-Stabhochspringerin trat schon vor 80.000 Zuschauern bei Olympia in London 2012 an und startete aber auch bei Weltmeisterschaften, „wo nebenan gerade noch gestaubsaugt wurde“. Doch eine Zeit wie die zurückliegende hat auch die 31-Jahre alte Athletin mit russischen Wurzeln noch nie erlebt.

„Zu Anfang der Corona-Pandemie hat es sich krass angefühlt, weil keiner eine Situation wie diese kannte – ob im Sport, der Wirtschaft oder im privaten Bereich. Freunde nicht mehr treffen zu können und nicht zu wissen, was der nächste Tag bringen wird, war schon ein einschneidendes Erlebnis.  Als dann die ersten Wettkämpfe verschoben wurden und feststand, dass Olympia ein Jahr später stattfindet, war es leichter und man musste nicht mehr auf biegen und brechen sein Pensum abarbeiten. Denn hätte Olympia in Tokio doch stattgefunden, hätte man ja auf den Punkt fit sein müssen“, erinnert sich die ins Omsk geborene Stabartistin, die im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland kam.

Der Zeit danach konnte die zweimalige Vize-Europameisterin und neunmalige deutsche Meisterin (fünf Hallentitel und vier Freiluft) aber auch Positives abgewinnen. Privat rückte die Familie nah zusammen. „Meine Mama hat mir täglich etwas Essen mit auf den Weg gegeben und mit meinem Papa und unserem Familienhund bin ich im Wald unterwegs gewesen und habe Läufe gemacht. Im Garten wurde mit Medizinbällen und dem Sprungstab trainiert. Not macht erfinderisch und man konzentriert sich auf die wichtigen Dinge des Lebens“, reflektiert die ohnehin zumeist positiv gestimmte Luftakrobatin, die von Beginn an von ihrem Vater Vladimir trainiert wird.

So hat sie dann auch das Training erlebt und gestaltet: „Ich konnte mich endlich all dem widmen, was in den letzten Jahren unter dem permanenten Wettkampfstress zu kurz kam“, erklärt Ryzih.  In Ruhe gezielt an den Defiziten arbeiten – ein Luxus, der unter den „normalen“ sonstigen Trainingsbedingungen kaum möglich sei: „Mein Hauptaugenmerk lag auf intensivem Techniktraining, der allgemeinen Athletik und der Regeneration. Denn Techniktraining macht eigentlich keinen Sinn, wenn der Körper nicht frisch ist und im sonstigen Trainingsalltag ist das leider oft nur so möglich. Jetzt habe ich mich frisch gefühlt im Training und das hat gut getan“, räumt die ehemalige Juniorenweltmeisterin ein.

Die Routine war es, die zuletzt nach einem halben Jahr Verletzungspause im Jahr 2018 gefehlt hatte. „Der Rhythmus und das Gefühl für das Springen waren nicht mehr so da wie vor der Verletzung. Nach zehn Jahren durchgängigem Trainings- und Wettkampfbetrieb war es durch die Verletzung zum ersten Mal so, dass mein Trainingsalltag fehlte. Im Jahr 2019 habe ich versucht, all das aufzuholen“. Was aber nur schwer möglich war und Ryzih so nicht mehr an die Leistungen aus den vorigen Jahren anknüpfen konnte. „Man will dann wieder so viele Wettkämpfe wie möglich absolvieren, versucht seine Leistung wieder zu finden aber es klappt nicht so. Man sieht andere springen und ist gefühlt immer einen Schritt hinterher. Nun habe ich durch die Corona-Zeit qualitativ und quantitativ mein Training so gestalten können, dass ich das aufholen konnte, was ich in 2018 verloren hatte.“

Die Trainingssteuerung wird nun auf die verschobenen Olympischen Spiele 2021 in Tokio ausgerichtet. „Das Gute ist, dass wir nun ein Jahr Zeit haben und ich fange nicht bei Null an. Olympia ist der Rhythmus, in dem wir Leichtathleten denken und arbeiten. Danach strebt man, weil Europameisterschaften und Weltmeisterschaften einfach öfter stattfinden, dazu auch noch in Halle und Freiluft, von daher ist Olympia einfach etwas ganz besonderes“. Für Ryzih, deren persönliche Bestleistungen bei 4,75 Meter in der Halle und 4,73  Meter im Freien liegen, wären es nach 2012 (Platz 6) und 2016 (Platz 10) die dritten Olympischen Spiele.

Unterstützt wird sie bei der Vorbereitung wie in all den Jahren zuvor vom Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz /Saarland. „Der OSP finanziert meinen Physiotherapeuten, der seit Jahren an meiner Seite ist und mit mir auch zu den großen Wettkämpfen reist. Auch die weitere medizinische Versorgung läuft über den OSP. Dies ist ein großer und wichtiger Baustein für mich als Athletin, der mir abgenommen wird.“

Die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig am 8./9. August 2020 geht die Psychologie-Studentin, die nach Abschluss ihres Studiums gerade ihre Dissertation im Bereich Sportpsychologie schreibt und diese auch noch im Laufe des Sommers abgeben möchte, ehrgeizig an. Auch wenn diese ohne Publikum stattfinden werden: „Deutsche Meisterschaften haben schon immer einen hohen Stellenwert für mich, schließlich geht es ja auch immer darum, sich für Großereignisse zu qualifizieren. Wobei sich die Qualität in den vergangenen Jahren etwas verändert hat. Im Jahr 2008 waren noch sieben Olympia-Kandidatinnen am Start, diesmal ist es keine außer mir. Und selbst ich habe die Olympianorm von 4,70 Meter noch nicht springen können, dafür aber mehrfach im Bereich zwischen 4,50 und 4,60 Meter gelegen, womit ich mich in den Top 20 der Weltrangliste bewege. Es ist eine erste Standortbestimmung für mich, von daher gehe ich es mit 100 Prozent an. Und was das Publikum betrifft bin ich einfach froh, endlich wieder einen Wettkampf zu haben. Und da 700 Personen im Stadion zugelassen sind, wird es wohl auch nicht ganz leer sein“, freut sich das blonde Energiebündel auf das Kräftemessen.

Die Frage, ob ihr das Studium der Psychologie und im speziellen der Sportpsychologie bei der Bewältigung der Wettkämpfe und bei der Gestaltung der coronabedingten veränderten Trainingssituation hilft bzw. helfen konnte, bringt Ryzih zum Schmunzeln. „Diese Frage wird oft gestellt. Es ist genau anders herum.  Sportpsychologie besteht gerade am Anfang fast nur aus Statistik und hat gar nichts mit der Praxis zu tun. Mich aber auf den Punkt konzentrieren und motivieren zu können, um für die Prüfungen dann topfit zu sein, das habe ich im Sport gelernt und das hat mir im Studium extrem geholfen.“

Überhaupt sei Druck etwas, mit dem man einfach umgehen können müsse als Sportlerin – mit oder ohne Psychologie-Studium. „Ich habe gelernt, bei mir selbst zu sein. Man darf sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. Durch die Sozialen Medien sieht man natürlich viel mehr, welche Athletin gerade was und wie trainiert und welche Höhe sie springt. Und auch im Wettkampf muss man diesen Druck aushalten. Das bringt aber die Erfahrung mit sich“, gibt Ryzih zu.

Und an Erfahrung hat die 31-Jährige, die für ABC Ludwigshafen an den Start geht, einiges aufzuweisen. Seit dem ersten Titel bei den Jugendweltmeisterschaften 2003 liegen unzählige Höhen und Tiefen hinter der 1,79 Meter großen Powerfrau. Nicht verwunderlich also, dass sie auch die kommenden, vermeintlich ungewissen Monate gelassen nimmt. „Ich werde versuchen, die Freiluftsaison so gut es geht zu nutzen, um dann gut vorbereitet in den Winter zu gehen. Man muss wohl ohnehin erst einmal abwarten, ob durch die Pandemie die anstehenden internationalen Hallenmeisterschaften überhaupt stattfinden werden.“ Danach käme dann Olympia in Tokio. Wenn.