Christin Hussong geht pragmatisch mit den Unwägbarkeiten in dieser Saison um und gibt sich durch und durch bodenständig

Von Melanie Kahl-Schmidt

Sie ist derzeit in Topform. So als ob in dieser Saison alles nach Plan verlaufen wäre und in wenigen Tagen die Olympischen Spiele in Tokio auf dem Terminkalender stünden. Beim Meeting in Luzern Anfang Juli landete der Speer von Europameisterin Christin Hussong bei eindrucksvollen 64,10 Meter. Auch die Wettkämpfe in Offenburg, Dresden und das Heimspiel in Zweibrücken entschied die 26 Jahre alte Athletin, die für das LAZ Zweibrücken an den Start geht, für sich. Bei der Heim-EM in Berlin 2018, bei der sie als Europameisterin von der Bahn ging, warf sie ihr Sportgerät mit eigener Bestleistung und mit rund sechs Metern Vorsprung auf die Zweitplatzierte auf 67,90 Meter.

Dabei war doch alles so anders in diesem Jahr – völlig durcheinandergewirbelt von den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Olympia und Europameisterschaften wurden verschoben auf das Jahr 2021, die ersten Meetings abgesagt. Die Trainingsmöglichkeiten waren nur noch bedingt vorhanden – viele Athleten wichen in den eigenen Garten und den Wald aus. „Ich konnte mein Training halbwegs fortführen. Aber ich bin ehrlich, wenn die Deutschen Meisterschaften nicht wären, hätte ich die Saison vielleicht nicht fortgeführt“, gesteht Christin Hussong und ergänzt sogleich: „Ich habe mir wöchentlich während der Zeit des Lockdowns neue Ziele gesetzt. Wir haben gezielt im Kraft-, Sprint- und Sprungbereich an Details gearbeitet und so bin ich zu keinem Zeitpunkt in ein Motivationsloch gefallen. Woche für Woche habe ich mich verbessert, was mir natürlich Antrieb gegeben hat“, gibt sich Hussong bodenständig.

Mental habe sie sich nicht verrückt gemacht. „Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass ich mich nicht aus der Bahn werfen lassen darf von Dingen, die ich nicht ändern kann. Das gilt allgemein aber auch im Wettkampf, wenn ich mit dem Wetter oder der Bahn zu kämpfen habe“, erklärt die 1,86 Meter große Blondine und verweist in diesem Zusammenhang auf die Zusammenarbeit mit einer Psychologin. „Ich fokussiere mich auf die Dinge, die ich selbst beeinflussen kann.“ Sie wisse mittlerweile, dass fast alles im Leben immer einen Sinn habe: „Ich sehe es so, dass ich einfach noch ein Jahr länger Zeit habe bis zu Olympia in Tokio 2021, um dort dann auf einem noch höheren Niveau anzutreten, als es in diesem Jahr der Fall gewesen wäre.“

An „Kleinigkeiten“ habe sie mit ihrem Trainer und Papa, Udo Hussong, gebastelt. „Solche, für die man normalerweise in der Phase April, Mai und Juni eines Jahres keine Zeit mehr hat, da die Wettkämpfe und Höhepunkte anstehen. Aber da die großen Highlights in dieser Saison wegfallen, waren wir in der Lage, ein paar Dinge auszuprobieren und zu schauen, wie mein Körper darauf reagiert. Wir haben die Zeit also sinnvoll genutzt und ich bin mit den Ergebnissen der letzten Wochen auch schon ganz zufrieden“, gibt das Powerpaket bescheiden zu. „Wir werden nun von Wettbewerb zu Wettbewerb erkennen, wie sich die Kleinigkeiten unter dem Wettkampfstress auswirken. Darauf freue ich mich, denn wir haben sozusagen nun den Weg Richtung Tokio begonnen, wobei ich in meiner Disziplin natürlich ohne Hallenwettkämpfe erst ab dem Winteraufbau richtig mit der Vorbereitung auf Olympia beginnen werde.“

Da für die Speerwerferin, die in ihrer Jugend auch im Kugelstoßen aktiv war, die Olympischen Spiele „das Allergrößte“ sind, setzt sie sich große Ziele . „Nach dem Sieg bei der EM in Berlin im Jahr 2018 und dem 4. Platz bei der WM 2019 in Doha wünsche ich mir schon, in Tokio dann eine Olympische Medaille zu holen“, gibt sich Hussong optimistisch.

Einen wichtigen Zwischenhöhepunkt sieht die Studentin  in den Deutschen Meisterschaften, die am 8. Und 9. August in Braunschweig stattfinden. „Die Meisterschaften sind jetzt schon wichtig im Ablauf, weil sie einfach einen kleinen Höhepunkt darstellen.“

Dass die Veranstaltung ohne Publikum stattfinden wird, nimmt Hussong gelassen hin. „ Es ist sehr schade für uns Athleten und für das Publikum, aber die Gesundheit steht natürlich über allem. Es ist ja ohnehin nicht so, dass  bei unseren Wettkämpfen in der Leichtathletik immer Massen an  Zuschauern vor Ort sind.  Von daher sind wir es ein Stück weit gewohnt,  vor nicht so großem Publikum unsere Leistung zu bringen.“

Nach den Deutschen Meisterschaften werde sie noch „ein paar Wettkämpfe“ absolvieren, ihre Saison aber nicht „ins Unendliche“ ziehen. „Nach meinem Urlaub werde ich mich dann im Winteraufbau auf die kommende Saison vorbereiten, um ab Mai 2021 zu sehen, was möglich ist.“ Bis dahin werde sie weiter von Woche zu Woche planen. „ Es bringt ja nichts, in der derzeitig ungewissen Situation rund um die weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie zu weit im Voraus zu denken“, bleibt Hussong realistisch.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass die sympathische wie ehrgeizige gebürtige Pfälzerin auch in Sachen Zukunftsplanung durchweg bodenständig denkt: „Ich konnte durch die Unterstützung des Olympiastützpunktes Rheinland-Pfalz/Saarland an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken studieren. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte, neben meinem Sport mein Bachelorstudium abzuschließen und nun auch noch meinen Master machen kann. Gerade in Zeiten wie diesen erkennt man, wie wichtig es ist, einen Abschluss in der Tasche zu haben.“