Zehnkämpfer Kai Kazmirek möchte zukünftig in allen zehn Disziplinen Topleistungen bringen – Tokio 2021 bleibt das Ziel

Von Melanie Kahl-Schmidt

Das Trainingslager in Südafrika hatte gerade erst für Kai Kazmirek begonnen, als es dann auch schon wieder abrupt beendet war. Der coronabedingte Lockdown traf auch den WM-Dritten im Zehnkampf von 2017 zur Unzeit – wie viele andere auch. „Kurz nachdem wir in Kapstadt unsere Zelte aufgeschlagen hatten, um uns auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele vorzubereiten, kam die Order von der Verbandsleitung, dass alle Sportler umgehend zurückfliegen sollen. Viele Flüge zurück nach Deutschland waren überbucht und so kam es, dass wir einen Zwischenstopp in Namibia einlegen sollten“, erinnert sich der 29-Jährige.  Doch es kam anders. „Als wir unsere Koffer am Check-in Schalter abgeben wollten, kam die Meldung, dass wir nicht fliegen dürfen. Namibia hatte die Grenzen dicht gemacht und wir zwei Tage später über London fliegen mussten. Zum Glück sind wir alle gesund in Deutschland angekommen“, berichtet Kazmirek von den turbulenten Erlebnissen.

Zunächst habe er noch gedacht, dass eventuell die Europameisterschaften in Paris im September stattfinden könnten. „Als dann nach den Olympischen Spielen auch noch die EM abgesagt wurde, war die Enttäuschung selbstverständlich riesengroß. Keiner wusste so wirklich, wie es weitergehen sollte und wie wir unser Training gestalten“, gibt der 1,90 Meter große vielseitige Athlet aus Neuwied unumwunden zu.

„Wir haben das Training in einen nahegelegenen Wald verlegt, nachdem das Neuwieder Stadion geschlossen wurde. Glücklicherweise wohne ich, wie auch mein Trainer, nur eine Minute vom Wald entfernt. Das Training mussten wir der neuen ungewohnten Situation anpassen und entsprechend haben wir unseren Trainingsumfang reduziert, aber sonst nicht viel am Konzept verändert“, gewährt Kazmirek Einblick in die vergangenen Wochen und ergänzt: „ Einen positiven Aspekt hatte die neue Trainingsstruktur dennoch, ich konnte endlich meine Blessuren auskurieren. Als Zehnkämpfer hat man immer das eine oder andere Wehwehchen.“

Die Verlegung der Olympischen Spiele in das Jahr 2021 bietet dem Zehnkämpfer aber auch Chancen. Wie viele andere Athleten möchte auch er die Zeit nutzen, um weiter an sich zu arbeiten. Dabei legt er den Schwerpunkt auf die Optimierung des mentalen Bereichs. „Wie kann man die mentale Stärke erreichen, nach missglückten zwei ersten Versuchen im dritten dann richtig zu liefern? Diese Frage beschäftigt uns schon eine ganze Weile“, erzählt er offen. „Wir möchten mit der Umsetzung unserer Pläne zur Verbesserung dieses Bereichs schnellstmöglich beginnen und unsere Strategien schon vor den Olympischen Spielen testen.“ Die Hallenwettkämpfe im Winter 2020/21 sind dabei ein wichtiger Gradmesser: „Wir wollen dort vor Ort sehen, wie die Arbeit fruchtet und ob ich auf dem richtigen Weg bin, um dann bei Olympia im Sommer 2021 in Tokio in allen zehn Disziplinen absolute Topleistungen zu bringen – und eben nicht nur in acht oder neun“, gibt sich Kazmirek angriffslustig.

Die durch die fehlenden Wettkämpfe entstandene Zeit hat der bereits verbeamtete Polizeioberkommissar sinnvoll genutzt: „Ich möchte mein erlangtes Wissen gerne weitergeben und im Sportbereich bei der Polizei Rheinland-Pfalz nach meiner aktiven Laufbahn arbeiten, dazu habe ich vor ein paar Jahren ein zweites Studium an der Sporthochschule in Köln begonnen und in den vergangenen Wochen  einiges an Zeit dem Studium gewidmet“, erzählt der sehr akribisch und zielgerichtet vorgehende Kazmirek. „Ich bin den Verantwortlichen der Polizei sehr dankbar, dass sie mir die Zeit und Möglichkeit geben, meinen Sport so auszuüben wie ich es benötige, um Höchstleistung zu erbringen. Überhaupt war die gesamte Unterstützung während meiner Laufbahn bisher prima, von daher freue ich mich sehr darauf, nach meinem Karriereende etwas zurückgeben zu können.“

Das Karriereende ist vorerst aber noch nicht in Sicht. „Wie lange ich den Sport noch auf dem hohen Niveau ausüben kann, muss man sehen.  Der Zehnkampf ist eine zeit- und kostenintensive Sportart, in der man bis zu zehn Mal pro Woche trainiert. Man benötigt Sponsoren, Physiotherapeuten und Trainer –  einfach ein starkes Team und Umfeld, das alles mitträgt. Wenn eine dieser Größen wegfallen sollte, wird es schwer, die Topleistungen weiter zu bringen.“, erklärt der gebürtige Torgauer, der sich derzeit mit diesem Thema aber noch nicht intensiver beschäftigt.

Bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig am 8./9. August 2020 wird er in drei Disziplinen an den Start gehen:  Im 110 Meter-Hürdenlauf, im 400 Meter-Lauf und, wenn es die Kräfte zulassen, noch im Weitsprung. „Es geht für mich darum, meine Sprintperformance zu testen und wieder in den Rhythmus zu finden. Ein Platz unter den ersten drei wäre schön, aber wir werden sehen, wie es läuft.“

Dafür, dass bei den Deutschen Meisterschaften aufgrund der Corona-Pandemie keine Zuschauer anwesend sein werden, hat der Neuwieder Verständnis. „Das ist sehr schade, aber auch verständlich. Die Gesundheit hat natürlich Vorrang. Das Gefühl, vor einem großen Publikum antreten zu können, beflügelt einige Athleten. Andere befinden sich eher im Tunnel und nehmen alles nur peripher wahr. Ich gehöre eher zu den Letztgenannten. Nichts desto trotz freue ich mich über eine ausgelassene Stimmung und bekannte Gesichter im Publikum.“

Die Hauptausrichtung des Zehnkämpfers, der vor allem an den Sprungdisziplinen die meiste Freude hat, bleibt aber Tokio 2021. „Die Olympischen Spiele sind etwas ganz Besonderes. Sie werden nur alle vier Jahre ausgetragen und die Leichtathletik gehört zu den Kernsportarten, von daher haben die Spiele einen anderen Stellenwert als eine WM oder EM. Auch wenn der Olympische Gedanke in der jüngsten Vergangenheit leider etwas an Wert verloren hat und vieles kommerzialisiert wurde“, sagt der Viertplatzierte von Rio de Janeiro 2016.

Um sich darauf so optimal wie möglich vorbereiten zu können, nutzt auch er die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Der Athlet, der für die LG Rhein-Wied an den Start geht, weiß die daraus resultierenden Vorteile zu schätzen: „Ich nutze hauptsächlich die Infrastruktur für mich, um an allen Bundesstützpunkten in Deutschland trainieren zu können. Eine Sprunganlage wie beispielsweise in Leverkusen nutzen zu können, ist für mich viel wert.  Oder die Biomechanik-Möglichkeiten. Die Trainingsmittel sind im Zehnkampf ein extrem wichtiger Baustein und ein entscheidender Faktor, um oben mitmischen zu können.“

Oben mitmischen, das möchte Kazmirek auf jeden Fall. Und dabei lässt er sich von nichts beirren – weder von einem abgebrochenen Trainingslager, Wettkämpfen ohne Publikum oder der Ungewissheit, welche Wettkämpfe überhaupt stattfinden werden.